Du oder Sie? Hauptsache echt.

Erstellt: 17. Juni 2026
  • Es gibt Fragen im Alltag, die fast philosophisch sind. «Wo gehen wir heute essen?» gehört definitiv dazu. Aber gleich danach folgt wohl beim ersten Kennenlernen: «Sollen wir uns duzen? Das geht sowieso einfacher, oder?» Denn kaum etwas sagt so viel über unsere Kommunikation aus wie diese zwei kleinen Wörter.

    Früher war vieles klar geregelt. Das «Sie» stand für Respekt, Anstand und eine gewisse professionelle Distanz. Man hielt höflich Abstand – sprachlich und manchmal auch menschlich. Das «Du» hingegen war Familie, Freundschaft und dem engeren Umfeld vorbehalten. Heute verschwimmen diese Grenzen immer stärker.

    Das «Du» der neuen Generation
    Gerade jüngere Generationen wechseln schnell ins «Du». Und nein, das ist nicht automatisch respektlos. Im Gegenteil. Oft steckt dahinter der Wunsch nach echter Begegnung. Auf Augenhöhe. Nach einem ehrlichen Interesse am Gegenüber. Wer jemanden duzt, möchte vielfach nicht Distanz abbauen, sondern Verständnis aufbauen.

    Das bedeutet aber nicht, dass das «Sie» falsch ist. Es hat weiterhin seine Berechtigung. Gerade in sensiblen Situationen, bei unbekannten Kontakten oder dort, wo eine gewisse professionelle Zurückhaltung wichtig ist. Ein «Sie» kann Orientierung geben und Wertschätzung ausdrücken.

    Spannend wird es dort, wo das «Sie» plötzlich wie eine Bühne wirkt. Höflich formuliert, aber emotional weit weg.

    Ein Blick über die Landesgrenzen
    Interessant ist dabei auch der Blick ins Ausland. In skandinavischen Ländern wie Schweden oder Norwegen wird im Alltag praktisch nur geduzt – unabhängig von Alter, Beruf oder Hierarchie. Selbst Vorgesetzte, Politiker oder Lehrpersonen werden oft direkt mit dem Vornamen angesprochen. Und trotzdem würde wohl niemand behaupten, dass dort weniger Respekt herrscht. Im Gegenteil: Die Kommunikation wirkt häufig offen, direkt und nahbar. Der Respekt zeigt sich dort weniger über die sprachliche Distanz, sondern vielmehr über das Verhalten und den Umgang miteinander. Vielleicht zeigt genau das: Nähe und Professionalität schliessen sich gar nicht aus.

    Gespielte Distanz im SRF
    Ein Beispiel dafür sehe ich regelmässig im Schweizer Fernsehen SRF. Die Sportreporter sprechen Sportlerinnen und Sportler vor laufender Kamera mit «Sie» an. Obwohl wir alle wissen, dass hinter den Kulissen längst das «Du» gilt.

    Für mich wirkt das sehr künstlich. Wie eine erzwungene professionelle Distanz. Gerade im Sport lebt vieles von Emotionen, Persönlichkeit und Nähe. Ein authentisches «Du» würde das Gespräch oft natürlicher und nahbarer machen, ohne dabei an Professionalität zu verlieren. 

    Denn Hand aufs Herz: Wenn nach einem Weltcup-Sieg beide zuerst gemeinsam jubeln, Schulterklopfer verteilen und wahrscheinlich schon dutzende Trainingslager miteinander erlebt haben, wirkt ein plötzliches «Wie schätzen Sie Ihren Sieg ein?» fast etwas wie Theater.

    Respekt beginnt anders
    Ich selbst bin es gewohnt, Menschen relativ schnell das sympathische «Du» anzubieten. Nicht, weil mir der Respekt fehlt, sondern weil ich oft merke, wie Gespräche dadurch ehrlicher, direkter und persönlicher werden. Man spricht nicht nur miteinander, sondern eher aufeinander zu. Das verändert die Dynamik enorm. 

    Denn Respekt entsteht nicht durch ein Pronomen allein.

    Wertschätzung zeigt sich vielmehr darin, wie wir zuhören. Wie wir miteinander sprechen. Wie ernst wir unser Gegenüber nehmen. Man kann jemanden siezen und trotzdem arrogant auftreten. Und man kann jemanden duzen und dabei höchst respektvoll sein.

    Ein kleines Experiment
    Vielleicht liegt die Zukunft deshalb weniger in der Frage «Du oder Sie?», sondern vielmehr in der Haltung dahinter.

    Und weil diese Kolumne genau davon handelt, mache ich gleich selbst den Anfang: Ab hier wechseln wir offiziell ins «Du».

    Also keine Hemmungen: Wenn wir uns irgendwo begegnen, im Gewerbe, an einem Anlass oder beim spontanen Gespräch im Dorf: Du darfst mich sehr gerne duzen, sofern wir noch per «Sie» sind.
    Ich garantiere einen respektvollen Austausch auf Augenhöhe. Und falls du lieber beim «Sie» bleiben möchtest, ist das natürlich auch völlig okay.

    Hauptsache, wir sprechen überhaupt miteinander.

    Firmen Buochs

    Firma

    Erfasst durch Nidwaldner Blitz

    Autor

    Christian Portmann, Präsident Gewerbe Buochs-Ennetbürgen


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